Warum? Darum!

Die Frage…

Warum laufe ich? Warum versuche ich ein besserer Läufer zu werden? Warum will ich an Wettkämpfen teilnehmen und mich mit anderen messen? Warum trage ich eine Pulsuhr mit Aktivitätstracker und freue mich darüber, wenn mir ein blöder Algorithmus abends bestätigt, einen aktiven Tag hinter mich gebracht zu haben? Warum schreibe ich meine Lauferei in dieses Internet?

Ist doch klar, warum ich laufe: Ich lebe in einer leistungsorientierten Gesellschaft und möchte meine Freizeit deshalb auch leistungsorientiert gestalten. Umso besser kann ich in dieser leistungsorientierten Gesellschaft dann mithalten – fit, aktiv, schön, jung und das bitte auf immer und ewig. Ha! Ha!

Echt jetzt? Ist es das?

Ich bin vor kurzem bei youtube auf die sehr sehenswerte Dokumentation „Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer“ gestoßen. Und die hat mich mal wieder so richtig schön intensiv grüblen lassen. Und ist der Auslöser für diesen Blogbeitrag. Und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Ich möchte auf diesen TV-Beitrag hinweisen, in dem Anke Engelke einen tollen Job macht und der sehr sehenswert und bedenkenswert ist. Anschaubefehl!

Und zweites hat mich „Fast perfekt…“ mal wieder zum selbstbezogenen Nachdenken angeregt. Bin ich etwa wirklich auch nur so ein Selbstoptimierer? Ich versuche doch eigentlich, mich den groben Auswüchsen unserer leistungsnormierten Gesellschaft zu entziehen. Mitmenschen die „ein Buch nur nach dem Cover beurteilen“, kann ich seit frühester Jugend nicht leiden. Dass einem das Fernsehen seit Jahren ständig suggeriert, es sei ein erstrebenswertes Ziel im Leben, ein singendes, tanzendes, bulimisches Superstarmagermodel  zu werden, lässt mich an der Existenzberechtigung dieser Menschheit immer wieder mal zweifeln. Dass Geld und Erfolg so erstrebenswert im menschlichen Dasein sein sollen, ist mir als Einstellung auch etwas fremd. Undsoweiterundsofort…

Trotzdem…

… habe ich im letzten Jahr hauptsächlich nur deshalb kontinuierlich wieder mit dem Laufen angefangen, um abzunehmen. Ich hatte geplant, mit dem Rauchen aufzuhören und Angst bekommen, dadurch noch dicker zu werden als ich mit meinen 95 kg bei kurzen 170 cm Körpergröße schon war. Eine Ernährungsumstellung habe ich auch vorgenommen und auch diese war nicht unbedingt einfach. Gewichtsverlust war anfänglich also schon  die Hauptmotivation.

Letztendlich hat dann alles sogar noch besser geklappt, als ursprünglich geplant: Ich rauche nicht mehr und habe glücklicherweise nicht zugenommen, sondern bin aktuell 12 kg leichter und ich laufe regelmäßig drei Mal in der Woche. Bin ich also wirklich auch nur so ein eitler Selbstoptimierer?

Aus gesundheitlichen Gründen zu laufen, kann ich als Begründung nämlich vergessen. Dem Herzinfarkt kann man anscheinend nicht davon laufen. Mein Vater war sein Leben lang schlank, Ausdauersportler seit frühester Jugend, Nichtraucher, dem Alkohol nur mäßig zugetan und schon auf gesunde Ernährung bedacht, als das noch was für esoterische Bio-Spinner war – und trotzdem bekam er mit Anfang 60 vier Bypässe und starb mit 70 Jahren morgens beim Nordic Walking (laufen durfte er nicht mehr) einsam in der Natur am plötzlichen Herztod. Wie hat mein Internist danach zu mir gesagt: „Da hast du wahrscheinlich die genetische Arschkarte gezogen.“1. Und der größte Rest der Familie väterlichseits ist ebenfallls an irgendwas mit Herz gestorben oder leidet daran. Tolle Aussichten… Ich habe damals übrigens festgestellt, dass das mit der Genetik anscheinend ein Ärztecode ist für „wir wissen auch nicht, woher es kommt“.

Gesundheit ist also nicht unbedingt die Hauotmotivation. Gut. ich fühle mich mit den 12kg weniger um den Rumpf schon wohler und das Laufen geht dadurch auch besser. Und man kann argumentieren, dass ich, wenn ich weiterhin rauchend, ohne große Bewegung und mit Übergewicht durch das Leben schreiten würde, die „70 Jahre“ wahrscheinlich überhaupt nicht erreiche. Und dann wäre das Frauchen echt böse auf mich – sie kommt nämlich aus einer langlebigen Familie.

Die Antwort…

Dies und noch mehr ging mir beim Ansehen von „Fast perfekt…“ so durch den Kopf. Aber als ich dann wirklich weiter darüber nachdachte, warum ich laufe (die Frage am Anfang, ihr erinnert euch?), kam ich doch zu der Erkenntnis, dass es das „Optimieren“ eher nicht ist.

Ich musste nämlich auch daran denken, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich im Sommer morgens in den Sonnenaufgang laufe, im Winter auf Langlaufskiern durch verschneite Wälder gleite oder mir mit dem Frauchen auf 2.000 Metern einen Gipfelschnaps teile – da sind mir Fitness, Gewichtsabnahme, Leistung und das alles nämlich so etwas von egal! Aber total! Da fühle ich mich einfach nur so richtig sauwohl. Und zwar sowas von! SAUWOHL!

Ich bin sicher, das ist es wirklich. Das ist meine Antwort! Darum laufe ich, darum treibe ich Sport: Es macht mir so unglaublich viel Spaß und Freude! :o)

Puh, nochmal Schwein gehabt und die Kurve bekommen. Und jetzt bin ich dann mal neue Laufschuhe am recherchieren. Vielen Dank für’s „Zuhören“.

PS: Und nehmt Euch die Zeit und seht Euch „Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer“ in Ruhe an. Wenn nicht jetzt hier, dann später auf YouTube oder in der ARD-Mediathek. Lohnt sich! Echt jetzt!


  1. Mein Internist und ich duzen uns. 

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