Frühlingslaufen

Es ist früh. Sehr früh. Trotzdem ist es bereits hell. Heller als es eigentlich sein müsste. Das ist das Problem mit dieser Zeitumstellung. Die macht mir immer ein bisschen zu schaffen. Also diese Zeitumstellung mit der Stunde nach vorne. Das mit der Stunde zurück im Herbst, stecke ich locker weg. Aber jetzt, im Frühjahr, komme ich nach dieser Vorstellerei morgens einfach nicht aus dem warmen Bettchen.

Genauer gesagt, nicht so, wie ich mir das Aufstehen am Laufmorgen vorstelle: Beim ersten Fiepen des Weckers energiegeladen direkt in die Laufschuhe springen und unverzüglich los laufen, um den Sonnenaufgang noch ausgiebig genießen (und fotografieren) zu können.

Aber nein! Geht nicht! Ich stehe zwar so ungefähr nach dem zweiten Drücken der Snoozetaste auf, aber statt energiegeladen, fühle ich mich eher wie die uralte Morla aus der „Unendlichen Geschichte“.  Ich schleppe mich stöhnend in die Küche, weil ohne Kaffee in dieser Verfassung bei mir aber so gar nichts geht. Ohne Kaffee würde ich aktuell meine Laufklamotten nicht einmal finden. Und weil ich meine Kaffeebohnen frisch mahle und den Kaffee mit der Hand filtere und in den Garten aufs Thermometer schauen muss, damit ich weiß ob lang oder kurz und ich mich wieder nicht entscheiden kann, ob ich die Känguru-Offenbarung oder doch lieber Musik auf den Ohren habe will und mich dabei ständig innerlich befrage, ob ich nicht das Laufen doch mal wieder in die Abendstunden verlegen sollte – deshalb komme ich im Moment erst dann vor die Hautüre, wenn die Sonne schon aufgegangen ist. Für ein cooles Sonnenaufgangsfoto reicht es dann meistens nicht mehr.

Dann trabe ich ich langsam los. Frische klare Frühlingsluft füllt meine Lungen. Meine Gelenke und Sehnen knarzen zwar noch verschlafen, aber nach fünfhundert Metern gibt sich das. Wenn ich dann aus dem Dorf heraus laufe, habe ich fast immer eine Wiese im Morgennebel vor Augen. Und wenn ich Glück habe, zaubert die über der kleinen Großstadt aufgegangene Sonne aus Wiese und Nebel etwas sehr anmutiges und hübsches. Ich bin begeistert und ärgere mich weiter, nicht schneller in die Laufschuhe gekommen zu sein. Dann würden die Nebelwiesen bestimmt noch besser aussehen.

Wiese mit Nebel

Langsam wird mir warm. Auf dem ersten Kilometer friere ich immer noch ein bisschen. Die Morgentemperaturen liegen im Moment oft noch zwischen langem und kurzem Laufdress. Und da ich lieber etwas zu kühl als zu warm angezogen bin, fröstel ich auf dem ersten Kilometer. Aber dann geht es. Mir wird warm und ich bin wieder froh zu Shorts und T-Shirt gegriffen zu haben.

Ich laufe an einem Weiher vorbei. Da unser Dorf am Rande der kleinen Großstadt zur Region der Karpfenzüchterei gehört, ist es fast nicht möglich, aus dem Dorf heraus zu laufen, ohne an einem Karpfenweiher vorbei zu kommen. Auf dem Wasser treibende Enten glotzen mich verschlafen an. Ein unausgeschlafener Erpel ist immer dabei, der mich ob Störung der morgendlichen Ruhe empört anquakt. Das Erpel-Geschimpfe hinter mich lassend, laufe ich weiter in den Morgen. Richtung Wald.

Deckersweiher am Morgen

Die ersten Frühaufsteher auf Fahrrädern begegnen mir. Da meine Laufroutine eine sehr regelmäßige ist, kennt man sich langsam. Da ich jedem, der mir morgens begegnet, ein mehr oder minder fröhliches und lautstarkes „Guten Morgen“ entgegen donnere, grüßen die Radler inzwischen zurück. Nicht ganz so fröhlich wie ich, aber da habe ich Verständnis für. Immerhin sind die Damen und Herren schon auf dem Weg zur Arbeit, während ich noch genüßlich dem Frühsport fröne.

Ich werde langsam munter und ziehe das Tempo ein bisschen an. So langsam wacht auch die kleine Großstadt auf. Die Radler werden mehr und der morgendliche Berufsverkehr wird langsam zum monotonen Brummen. Ich wende mich heimwärts. Das Laufen fühlt sich locker und leicht an. Ich könnte jetzt doch glatt noch eine zweite Runde anhängen und habe das Gefühl jeder Herausforderung des Tages trotzen zu können.

Ich erreiche das Zuhause. Mein Blick fällt auf das Schlafzimmerfenster. Der Rollladen ist noch unten. Das Frauchen schläft noch. Sie hat auch Problem mit der Zeitumstellung. Ich dehne mich noch ein bisschen und lausche dem morgendlichen Konzert der Vögel, die dem jungen Tag entgegen jubilieren. Der Rollladen geht hoch. Das grölende Vogelvolk hat das Frauchen letztendlich aus dem Schlaf gerissen.

Ich schließe die Haustüre auf und lächle glücklich in mich hinein. Und ich frage mich, wieso es mir um Himmels Willen momentan so schwer fällt aufzustehen. Wenn mich doch ein so wundervoller Morgenlauf erwartet?

Weiher in der Morgensonne

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